Wie die Vision von Riace abgewickelt wurde. Eine Geschichte „aus dem Meer der Sch…kerle.“

Der erste, der den Besucher von Riace willkommen heißt, ist ein bärtiger griechischer Krieger der Antike. Sein Mund ist halb geöffnet. Sein lockiges langes Haar und sein Bart rahmen ein offenes schlankes Gesicht, unter dem zu lesen ist: Ripescato dal Mare di Riace („Aus dem Meer von Riace gefischt“). Neben diesem Gemälde auf der Seitenwand des Bahnhofs ein weiteres Gesicht. Der Betrachter erkennt den ebenfalls bärtigen italienischen Lega-Chef Matteo Salvini. Unter seinem weniger sympathischen Gesicht liest er die Unterschrift: Ripescato dal Mare di Cazzate („Aus dem Meer der Scheißkerle gefischt“).

Die beiden Portraits an der Hauswand des Bahnhofs erzählen zwei Geschichten aus dem kleinen Ort Riace am „großen Zeh“ der italienischen Stiefelspitze. Sie berichten von einem unglaublichen Glücksfall – und von der Tragödie, die vor einem Jahr in Riace begonnen hat und noch nicht zu Ende ist.

Der Glücksfall ereignete sich im Jahr 1972. Ein Hobbytaucher entdeckte 300 Meter vom Ufer entfernt zwei überlebensgroße Bronzestatuen aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert. Sie hatten dort in weniger als 10 Metern Tiefe über zwei Jahrtausende gelegen. Nach ihrer Bergung und Restaurierung wurden sie in einem Museum der Provinzhauptstadt Reggio Calabria ausgestellt, wo sie bis heute zu sehen sind. Der Name des kleinen Ortes an der jonischen Küste war nun in der ganzen Welt bekannt.

Das ist die Geschichte des Glücksfalls von Riace. Die Tragödie des Dorfes begann im Herbst 2018. Da wurde das Ende eines gelungenen Experiments eingeläutet, das eng mit dem Namen des langjährigen Bürgermeisters Domenico „Mimmo“ Lucano und dem von ihm gegründeten Verein Città futuro verbunden ist. Lucano und Città futuro standen vierzehn Jahre lang für gelungene Integration zum Vorteil aller: der Geflüchteten, der Dorfentwicklung und der Humanität. Doch die Realität gewordene Vision von Riace widerlegte die Theorie von Matteo Salvini, dass Migration immer Verwerfungen erzeuge. Sie geriet ins Visier der flüchtlingsfeindlichen Lega. Città futuro durfte keinen Erfolg haben. Es musste abgewickelt werden.

Am 2. Oktober wurde Lucano verhaftet und unter Hausarrest gestellt. Zwei Wochen später wurde ihm der Aufenthalt in seiner Gemeinde untersagt. Die Vorwürfe: Flüchtlinge hätten länger als vorgesehen an Integrationsprojekten teilgenommen. Für die Ausstellung von Ausweisen habe er keine Gebühren verlangt. Und die Müllentsorgung sei an eine Genossenschaft vergeben worden, die nicht auf der Auswahlliste der Regionalregierung gestanden hatte. Tatsächlich, die Mafia, für die die Müllentsorgung in Süditalien bekanntermaßen eine wichtige Einnahmequelle ist, war in Riace nicht mehr zum Zug gekommen. Denn hier wurden die Abfälle von jungen Geflüchteten eingesammelt, die dazu eine Genossenschaft gegründet hatten. La raccolta differenziata, die Mülltrennung, in Süditalien noch im Aufbau, und die Straßenreinigung mit vierzehn Eseln einer Kooperative: Das System funktionierte und wurde angenommen.

Doch Lucano war aus Riace ausgewiesen worden. Er bezog eine einfache Wohnung im Nachbarort. Zu diesem Zeitpunkt blickte die Dorfgemeinschaft bereits zurück auf zehn Jahre eines gelingenden Zusammenlebens von Einheimischen und Geflüchteten. Die Menschen von Riace hatten die Migranten aus Kurdistan, Palästina, Afghanistan, Pakistan, Indien, aus Äthiopien, Eritrea, Ghana, Kongo und Somalia willkommen geheißen und in ihr Dorfleben integriert. Gloria, eine 25jährige Frau, die in Riace aufgewachsen war, arbeitete mit einer Pakistanerin in einer Töpferwerkstatt. Alte Handwerkstraditionen wurden wieder entdeckt: das Weben von Ginster und Leinen, das Sticken, die Glasbläserei und das Backen mit Natursauerteig. Alte Steinpressen für Olivenöl wurden angeschafft, weil sie Migranten Arbeit, Auskommen und Würde ermöglichten. Leerstehende Häuser wurden von kurdischen Bewohnern selbst renoviert, ein Ausbildungsbauernhof entstand, achtzig Arbeitsplätze wurden geschaffen. Die Kita eröffnete wieder, die Schule brauchte neue Lehrer. In das Dorf der Gastfreundschaft, in seine Bars und auf seine Plätze kehrte wieder Leben ein. Die Abwanderung wurde gestoppt, Menschen kehrten aus Turin und von anderswo zurück. Zunächst kam das Dorf für alle Kosten selber auf, später gab es Kredite von der Banca etica, schließlich gab es rückwirkend Zuschüsse des Staates.

Die Finanzierung der Integrationsprojekte durch die öffentliche Hand entpuppte sich schließlich als Achillesferse. Als im Dezember 2016 der Sozialdemokrat Marco Minniti das Innenministerium übernahm, schickte er Inspektoren nach Riace, die die Verwendung der Gelder überprüfen sollten. Im Juni 2018 begann Matteo Salvini in der italienischen Flüchtlingspolitik hart nach rechtsaußen zu steuern. Da war das Ende der Vision von Riace gekommen. Der neue Innenminister ordnete Untersuchungen an und strich alle Gelder rückwirkend. Das kleine Dorf blieb auf hohen Schulden sitzen. Die Staatsanwaltschaft stand Salvini hilfreich zur Seite. Sie ermittelte: Waren die Häuser, die die Flüchtlinge bewohnten, ordnungsgemäß saniert worden? Waren alle Vorschriften beachtet worden? Entsprachen die Unterstände der Esel, die den Müll einsammelten, den staatlichen Normen für Tierställe?

Gegen die Macht des Innenministers und seiner Helfer hatte Riace keine Chance. Das Projekt Città futura musste aufgeben. Die Vereine, die sich bisher um die Integration der Geflüchteten gekümmert haben, stellten ihr Engagement ein.

Mehrere Initiativen schließlich versuchten die Vision zu retten. Zunächst fand am 6. Oktober, also wenige Tage nach der Verhaftung Lucanos, eine große Demonstration in Riace statt, um den Bürgermeister zu unterstützen. Das Motto der Manifestation: Riace non si arresta, Riace verhaftet man nicht.

Ein neuer Verein È stato il vento („Es war der Wind“) wurde gegründet. Er sollte „Riace wieder zum Leben erwecken“ und beweisen, dass die Aufnahme von verzweifelten Menschen möglich ist, auch wenn der Staat keinen einzigen Eurocent zahlt.

Im Februar 2019 befand das oberste Gericht Italiens, dass es keine ausreichenden Gründe gegeben hatte, um Lucano den Aufenthalt in seinem Heimatdorf zu untersagen. Das Gericht in der Provinzhauptstadt musste neu entscheiden. Das tat es auch – und bestätigte seinen früheren Beschluss. Die Staatsanwaltschaft erhob nun Anklage gegen den abgesetzten Bürgermeister und weitere 29 Personen wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Die evangelische Waldenserkirche Italiens versuchte zu vermitteln. Doch Antonio Trifoli, der neue Bürgermeister, mit Unterstützung der Lega und der Clans ins Amt gekommen, blockiert bis heute alle Bemühungen. Zum Nachteil für die Geflüchteten, zum Nachteil der Entwicklung des Dorfes an der Südgrenze Europas und zum Nachteil der Humanität.

Quellen:
Riace im Visier der Lega, Ein Integrationsmodell wird abgewickelt. Ein Feature von Aureliana Sorrento vom 11. Juni 2019 (in der Mediathek des Deutschlandfunks)
Un giorno a Riace (Ein Tag in Riace) oder die Notwendigkeit, ein anderes Modell von Gesellschaft zu verteidigen. Eine Reportage von Pino Fabiano in italienischer Sprache vom 24. Juni 2018, mit sprechenden Fotos aus Riace von Ilaria Fabiano u. a.
Un viaggio verso un sogno di umanità (Ein Reise zu einem Traum von Humanität), in: CotroneInforma Nr XXIV/2018, S. 6 f., herausgegeben von Associazione culturale Cotroeinforma, 88836 Cotronei (KR), Italien. http://cotroneinforma.org