Lebensgefahr im Mittelmeer: In der Antike war es die Schuld der Piraten. Heute ist es die Schuld der Schlepper und unterlassene Hilfeleistung

Der britische Historiker David Abulafia teilt in seinem Buch Das Mittelmeer, eine Biografie (S. Fischer 2014) die Geschichte des Mittelmeers in fünf Zeitalter ein. Das erste Mediterrane Zeitalter begann in der Vorgeschichte und endete, als Troja unterging.

Das zweite Mediterrane Zeitalter umfasst die Zeit der klassischen Antike, in dem Phönizier, Griechen, Etrusker, Ägypter und Römer das Mittelmeer bereisten. Es endete mit einer schrittweisen Loslösung des östlichen vom westlichen Mittelmeerraum.

Das dritte Mediterrane Zeitalter, die Zeit des Mittelalters, war vom Kampf der Byzantiner mit dem Arabern, von den Kreuzzügen sowie von Pilgern, Missionaren, Söldnern und Kaufleuten geprägt. Das Mittelmeer war in wechselnde Einflusszonen fragmentiert. Diese Epoche endete erst, als jenseits der Straße von Gibraltar eine neue und viel größere Handelszone entstand. Schiffe verließen nun das Mittelmeer und machten sich auf den Weg, Afrika zum umrunden und den Atlantik zu überqueren.

Osmanen, Venezianer, Spanier und die mit ihnen verbündeten Genuesen bereisten auch im vierten Mediterranen Zeitalter das Mittelmeer, doch taten sie dies nun in Konkurrenz mit Engländern, Niederländern und Franzosen. Diese Mächte standen sich in konfessionellen Konflikten feindselig gegenüber. In diese Zeit fiel auch der Aufstieg und Niedergangs des napoleonischen Reiches und das erstmalige Interesse Russlands am Mittelmeer. Nach Westen hin war das Mittelmeer bereits offen. Das vierte mediterrane Zeitalter endete, als es durch den Suezkanal auch nach Südosten hin eine Öffnung erfuhr.

Es begann das fünfte und bislang letzte Mediterrane Zeitalter. Nun zogen Dampfschiffe über das Mittelmeer, die nicht mehr von Windrichtung und Jahreszeiten abhängig waren. Eine Regionalmacht konnte das Mittelmeer nicht mehr dominieren. Es begann die Dominanz des imperialen Britannien. Ausgrabungen, Auswanderung, Ausbeutung und zwei Weltkriege prägten diese Zeit.

Heute hat das Mittelmeer seine zentrale Bedeutung für Militär und Handel verloren. Niemand kann es mehr beherrschen. Dafür ist der Massentourismus eingekehrt, dessen wirtschaftliche Bedeutung an den südlichen Küsten des Mittelmeeres nur wenige Kilometer ins Landesinnere hineinreicht. Kreuzfahrtschiffe und Flugzeuge überqueren das Mittelmeer und gefährden seine Biosphäre. Es scheint so, als sei das „Mare nostrum“ zum Kulturbesitz aller Menschen geworden. Europäer, Amerikaner, Asiaten und Australier machen Städtetrips und Strandurlaub. Die vielfältige mediterrane Kultur, Lebensart und Küche hat ihren weltweiten Siegeszug angetreten. Doch es ist unübersehbar, dass nicht alle gleichermaßen profitieren. Seit einigen Jahren gibt es auch deshalb eine gefährliche Wanderungsbewegung von Süden nach Norden, gegen die sich die meisten mitteleuropäischen Staaten mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln wehren.

Zwischen den Anrainerstaaten im Norden und denen im Süden verläuft eine gefährliche unsichtbare Grenze aus Wasser, deren Überschreitung viele Tausende mit dem Leben bezahlen. Waren die Schiffe der Kaufleute in der Antike vor allem durch Piraten gefährdet, gehen die Boote der Migranten heute aus anderen Gründen unter. Menschen ertrinken, weil kriminelle Schlepperunternehmen sie auf die lebensgefährliche Reise schicken, und weil die Seenotrettung, eine humane Errungenschaft der letzten hundert Jahre, weitgehend unterbleibt.