Kalabrien: Es ist fast unmöglich zu erklären, worin das Faszinierende des Landes an der Stiefelspitze Italiens begründet liegt. Ich will es dennoch versuchen.

2018-07-27 19.44.20

Die Straßendörfer sind trist und öde, die Geschäfte oft in chinesischer Hand oder seit Jahren geschlossen. Der Wochenmarkt findet in diesem Jahr nicht statt, vielleicht kommen die Händler im August, aber das weiß niemand genau. Das Wasser aus dem Wasserhahn darf man in diesem Jahr auch nicht mehr zum Obst waschen verwenden – eine Anweisung der Gemeinde. Trinkwasser war es noch nie. Die Straßen im Quartier sind so schlecht, dass die Leute mit den Fahrrädern stürzen. Die Autofahrer brettern dennoch viel zu schnell durchs Viertel – mit dem Handy am Ohr.

Doch wir kommen immer wieder. Wir genießen das Meer, die Sonne, den Schatten, die warmen Abende, das einfache, aber gute Essen: Antipasti, Pasta, Fisch oder Pizza. Nirgendwo – außer in Neapel – habe ich so gute Pizza gegessen wie in Kalabrien. Wir lesen, schwimmen, faulenzen oder genehmigen uns einen Aperitivo.

Gespräche mit Einheimischen sind oft Comedy live. „Von wo seid ihr? Aus Deutschland? Habt ihr Verwandschaft hier? Seid ihr hier geboren? Nein? Wieso …?“ Man mag die Menschen, die von weit her nach Kalabrien kommen, ohne dass familiäre Bande sie dazu nötigen. „Sie sprechen aber gut italienisch“,  auch wenn es nicht stimmt! Oder, statt einer Begrüßung: „Du hast zugenommen, stimmt’s?“ Es wird viel gelacht, gescherzt, geküsst, gefeiert. Manchmal, ja manchmal wird etwas zu laut, zu lang oder zu zahlreich gefeiert.

Eine der Bretterbuden am Strand, die tagsüber Sonnenschirme mit Liegestühlen vermietet, hat sich in ein gutes Restaurant verwandelt. Inhaberin und Bedienstete freuen sich gleichermaßen, wenn wir eintreten. Die ungekünstelte Freundlichkeit ist eine Wohltat. Auf der Terrasse sitzend nimmt uns die Chefin die Speisekarte weg, sie weiß am besten, was heute gut ist. Auf der Terrasse serviert die Ragazza frischen Fisch. Man genießt und schaut den Wellen zu. Vor den Preisen braucht man sich nicht zu fürchten, die sind zum Teil unglaublich niedrig.

Klar, es kann schon passieren, dass es in der Hochsaison im selben Lokal ganz anders zugeht. Der eisgekühlte Weißwein ist warm, einzelne Gerichte werden vergessen oder kommen viel zu spät. Der Schnaps auf das Haus entfällt, weil niemand Zeit hat. Aber auch im größten Stress verbreiten die Kalabresen gute Laune, lachen und bedanken sich.

So ist Kalabrien! Ich kann es gar nicht abwarten, bis ich wieder hinkomme. Dann aber fuori stagione, außerhalb der Saison.

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